Forschung

Im Fokus unserer Forschung steht die Entwicklung und Modellierung von Kompetenzen, die Menschen in­formell, d.h. außerhalb formaler Lernorte wie Schule, Hochschule oder betriebliche Weiterbildung erlangen. Wir interessieren uns sowohl für die Ergebnisse informeller Lernprozesse als auch für die personalen Voraussetzungen, die erfolgreiches informelles Lernen überhaupt erst ermöglichen.

Informelles Lernen gewinnt in einer digital geprägten Wissensgesellschaft, die sich durch raschen kulturellen und technologischen Wandel, einen hohen Grad an Spezialisierung sowie eine unmittelbare Verfügbarkeit großer ungefilterter Informationsmengen auszeichnet, besondere Bedeutung: Es dient uns dazu, ein Leben lang auch dann selbstständig konzeptuelles Wissen zu erwerben, wenn keine Lehrenden zugegen sind, die Lerngelegenheiten inszenieren und das relevante Wissen in didaktisch angemessener Weise aufbereiten. Letztlich ermöglicht informelles Lernen Individuen somit persönliches Wachstum und Teilhabe an der Gesellschaft. Daher bildet die schulische Förderung des Erwerbs der Kompetenzen zum informellen Lernen einen weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit.

 

Forschungsprojekte

Urteilsverzerrungen bei der Bewertung wissenschaftlicher Aussagen durch Laien

In diesem Forschungsprojekt beschäftigen wir uns mit spezifischen Herausforderungen, denen Laien bei der Bewertung wissenschaftlicher Fachinformationen aus dem Internet begegnen müssen, um eine rational begründete Bewertung der Informationsgültigkeit sowie ihrer eigenen Bewertungskompetenzen vornehmen zu können. Dabei interessieren wir uns für zwei Formen der Urteilsverzerrung, die einer rationalen Bewertung im Wege stehen können.
(1.) Einfachheitseffekt der Wissenschaftspopularisierung (easiness effect): Rezipieren Laien vergleichsweise einfache Darstellungen wissenschaftlicher Phänomene, sind sie geneigt, ihre eigene Urteilsfähigkeit bei der Bewertung themenbezogener Aussagen zu überschätzen. Umgekehrt unterschätzen sie ihre aus der kognitiven Arbeitsteilung resultierende Abhängigkeit von Experten. Die besondere Relevanz dieses Einfachheitseffekts ergibt sich daraus, dass popularisierte Wissenschaftsdarstellungen, die sich gezielt an ein Laienpublikum richten, häufig durch eine starke Vereinfachung der dargestellten Inhalte gekennzeichnet sind und somit eine laienseitige Überschätzung begünstigen können.
(2.) Ethisch motivierte Bewertung wissenschaftlicher Aussagen: Viele wissenschaftliche Themen besitzen eine unmittelbare gesellschaftliche Relevanz und werfen daher ethische Fragen dazu auf, wie sich die Gesellschaft zum Thema verhalten soll (z.B. Klimawandel, Abtreibung, Stammzellenforschung). Durch die thematische Verknüpfung von wissenschaftlichen und ethischen Fragestellungen besteht die Gefahr, dass Laien bei der Bewertung wissenschaftlicher Aussagen einer ethisch motivierten Urteilsverzerrung unterliegen, indem sie solche Aussagen eher als wahr akzeptieren, die ihre eigene ethische Haltung zum Thema legitimieren oder die von einer ethisch gleichgesinnten Quelle stammen.
Die Auftretensbedingungen beider Urteilsverzerrungen untersuchen wir experimentell und leiten aus unseren Befunden Maßnahmen ab, mittels derer Laien gegen diese Verzerrungen immunisiert und beim Vornehmen rationalen Bewertungen unterstützt werden können.

Lisa Scharrer, Marc Stadtler

 

Kognitive Arbeitsteilung und das Lesen multipler wissenschaftsbezogener Dokumente im Internet
DFG-Projekt im SPP 1409, Wissenschaft und Öffentlichkeit

Laufzeit: 01.08.2009 bis 31.07.2015

In dem Projekt wird der Umgang von Laien mit konfligierenden wissenschaftlichen Fachinformationen im Internet untersucht. Die wissenschaftlichen Fachinformationen entstammen den Bereichen Medizin und Klimawandel. Es wird eine weit verbreitete Variante der Internetrecherche experimentell simuliert: Laien suchen innerhalb multipler, teilweise konfligierender Textdokumente nach Experteninformationen, um eine informierte gesundheitsbezogene Entscheidung treffen zu können. Dabei stellen sich im Falle konfligierender Informationen die zentralen Fragen, unter welchen Bedingungen Laien intertextuelle Konflikte erkennen und wie sie die Expertise bewerten, die den Argumenten in den Texten zugrunde liegt. In einer ersten Serie von Studien werden zunächst Faktoren experimentell überprüft, die unseren Annahmen nach die Konfliktentdeckung und Konfliktverarbeitung maßgeblich beeinflussen. Parallel sollen in einer zweiten Serie von Studien Faktoren empirisch untersucht werden, die hinsichtlich der Konfliktbewältigung von Laien bedeutsam sind. Weitere Studien sollen darüber hinaus Aufschluss über die Vorstellungen von Laien zur Struktur und Verteilung wissenschaftlicher Expertise (Laienvorstellungen zur kognitiven Arbeitsteilung) geben. Auf theoretischer Ebene bezieht sich das Projekt auf die empirische Testung unseres Modells des Lesens multipler konfligierender (wissenschaftlicher) Dokumente (CSI Modell, Content-Source-Integration Modell) sowie auf die Rekonzeptualisierung der Theorie der Kognitiven Arbeitsteilung, insbesondere im Hinblick auf ihre Bedeutsamkeit für die Textverarbeitung wissenschaftlicher Dokumente, siehe auch http://wissenschaftundoeffentlichkeit.de/.

Mehr zu dem Projekt auf der Webseite der DFG zum Wissenschaftsjahr 2014 Die digitale Gesellschaft.

Rainer Bromme, Marc Stadtler, Lisa Scharrer, Eva Thomm

 

Fostering Multiple Document Literacy Skills: A European Perspective (MD-SKILLS)
Projekt gefördert im deutsch-französischen Forschungsprogramm der ANR und DFG (Teilbereich Humanities and Social Sciences)

Laufzeit: 01.06.2013 bis 30.10.2017

MD-SKILLS ist ein bilaterales, deutsch-französisches Forschungsprojekt, das gemeinsam mit Forschern der Universität Poitiers (dortige Projektleitung durch Dr. Jean-François Rouet) durchgeführt wird. Das Ziel des Projekts ist die Entwicklung und empirische Erprobung neuer instruktionaler Methoden zur Unterstützung Jugendlicher bei der Nutzung Multipler Textdokumente.
Unser Vorgehen gründet sich zum einen in der Analyse der Anforderungen an das Textverstehen zum Zwecke der Teilhabe an modernen Wissensgesellschaften. Zum anderen ist unser Vorgehen durch Erkenntnisse zu den hieran beteiligten Prozessen aus der kognitiv orientierten pädagogisch-psychologischen Forschung informiert. Basierend auf bestehenden theoretischen Modellen identifizieren wir mit der Informationsevaluation und der Informationsintegration zwei Kernkompetenzen des Verstehens multipler Dokumente, die die Basis unserer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten bilden. Jüngere Studienergebnisse aus der empirischen Bildungsforschung weisen darauf hin, dass die benannten Kernkompetenzen bei vielen 15-jährigen Schülern jedoch nur unzureichend ausgebildet sind. Zugleich fehlen im französischen und deutschen Schulsystem hinreichend validierte Methoden der Instruktion sowie der Erfassung der Kernkompetenzen des Verstehens multipler Dokumente. Daher besteht unser Ziel darin, Messmethoden zur Erfassung der benannten Kompetenzen sowie innovative Trainingsmaßnahmen zu entwickeln, implementieren und evaluieren. Dabei finden die spezifischen Anforderungen und Einschränkungen des deutschen und des französischen Schulsystems konsequent Berücksichtigung. Zugleich bietet die Erforschung der Thematik in Form einer bilateralen Kooperation die Chance, besonders nachhaltige, weil schulsystemübergreifende Einblick in die Förderung des Lesens aus Multiplen Dokumenten in der Sekundarstufe zu gewinnen.

Marc Stadtler, Rainer Bromme

 

Ansprechpartner / Sekretariat

Stefanie Nüsken

Tel: 0234 / 32- 27324

Mail: kompetenzforschung@rub.de
Web: http://ife.rub.de/kom-kom

Raum: GA 2 / 32