Forschung

1. Zeitpolitik und Zeit-Geschichte (abgeschlossen)

(Themenheft der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft", erschienen 2015)
Die Ressource ‚Zeit’ wurde in der industriegesellschaftlichen Moderne zu einer politisch wie gesellschaftlich umkämpften Verfügungsmasse. Entwürfe politischer Neuordnung und die Etablierung neuer politischer Regime gingen mit Versuchen einer Umgestaltung von Zeit einher. Akteure aller Couleur entwarfen neue Zeitprojekte und versuchten diese gesellschaftlich zu implementieren. Während Historiker intensiv über Zeit und Zeitlichkeit nachgedacht haben und Begriffe wie ‚Wandel’, ‚Periode’, ‚Kontinuität’ und ‚Zäsur’ zu ihrem wissenschaftlichen Alltagsvokabular gehören, ist die Bedeutung von ‚Zeit’ als Ressource von der Zeitgeschichtsforschung bislang kaum berücksichtigt worden. Die Geschichtswissenschaft kann dabei auf Anregungen aus den Nachbardisziplinen, insbesondere den Sozialwissenschaften, zurückgreifen, die in den vergangenen Jahren verstärkt versucht haben, Zeit als analytische Kategorie nutzbar zu machen. Während lange die These einer Standardisierung und zunehmenden Vereinheitlichung von Zeit seit der Frühen Neuzeit diskutiert worden ist (Dohrn-van Rossum), hat eine jüngere Forschungsrichtung versucht, Zeit-Wandel auf den Begriff der „Beschleunigung“ zu bringen (Koselleck/Rosa). Beiden Ansätzen ist die Behauptung gemein, dass es im 20. Jahrhundert zu einem fundamentalen Wandel der gesellschaftlichen Organisation von Zeit gekommen ist. Das Themenheft untersucht den Wandel solcher Zeitordnungen und -praktiken im 20. Jahrhun­dert. Fünf Beiträge analysieren zeitpolitische Konflikte, Verschiebungen und Verwerfungen in NS-Deutschland, im Spanien der Franco-Diktatur, in der Bundesrepublik Deutschland der 1970er Jahre und 1980er Jahre sowie in Westeuropa bzw. den USA.

2. Ungleichheit zwischen Natur und Gesellschaft. Zur Debatte um 'Vererbung oder Umwelt' seit  1945
    (Tagung Juni 2014, gemeinsam mit Constantin Goschler)

Seit der Aufklärung ist das Begriffspaar Gleichheit-Ungleichheit ein Schlüsselkonzept der modernen Gesellschaft, das unsere Wahrnehmung des Zusammenhangs von Individualität und Zugehörigkeit strukturiert. Mit der Geburt der Soziologie im späten 19. Jahrhundert wurde es um die explizite Unterscheidung zwischen sozialer und biologischer Ungleichheit ergänzt. Im Zusammenhang damit erlangte das diskursive Feld von Vererbung und Umwelt herausragende Bedeutung. 1874 veröffentlichte Francis Galton sein Traktat über English Men of Science. Their Nature and Nurture und lieferte damit die Schlüsselvokabeln einer bis heute anhaltenden Debatte. Das diskursive Feld von nature und nurture wurde zu einem wesentlichen Element der Selbstreflexion moderner Gesellschaften und der damit verbundenen Möglichkeitsräume: Wie hängen natürliche und soziale Ungleichheit zusammen? Ist Ungleichheit gerecht oder ungerecht? Inwieweit sind die bestehenden individuellen und sozialen Ungleichheiten veränderbar bzw. inwieweit ist dies überhaupt wünschenswert? Anders gesagt: In welchem Maße bestimmen die historisch veränderbaren Vorstellungen von der menschlichen Natur die Potentiale der Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände mit? Die in Wissenschaft und Öffentlichkeit geführte Auseinandersetzung über die Rolle von Vererbung und Umwelt bildet somit einen zentralen Aspekt der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ (Lutz Raphael) im 20. Jahrhundert. Dies manifestierte sich insbesondere in Diskursen über „Intelligenz“, „Kriminalität“, „Krankheit und Gesundheit“ oder über „Sexualität“.

3. "Begabung und Demokratie im 20. Jahrhundert"

„Begabung“ ist ein Schlüsselbegriff des 20. Jahrhunderts, der an der Schnittstelle von Humanwissenschaften, Politik und Wirtschaft angesiedelt ist. Es ging in den Debatten über Begabung nie nur um technische Fragen einer möglichst sinnvollen Auswahl von Kindern für unterschiedliche Bildungs- und Berufskarrieren, sondern immer auch um Grundfragen gesellschaftlicher Ordnung und der Zukunft der Nation. Es ging darum, wem gesellschaftliche Vorrangstellung und Autorität zufallen sollte, was sozial gerecht ist und auch darum, welche Rolle die neuen Humanwissenschaften in der Regulierung von Gesellschaften spielen sollten. Das Projekt untersucht vor diesem Hintergrund die Debatten über Begabung und Intelligenz im 20. Jahrhundert und nimmt vor allem die Auseinandersetzungen um Begabung und Demokratie in den 1960er Jahren in den Blick.

4. Friedenserziehung im 20. Jahrhundert (abgeschlossen)

(Band in der Reihe „Krieg und Frieden in der Geschichte“. Herausgegeben zusammen mit Alexander Schwitanski, erschienen 2014)
Im Rahmen der Ursachenforschung zum kriegerischen Verlauf der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat auch die Frage nach kriegsbegünstigenden Mentalitäten und den sie erzeugenden sozialisatorischen Faktoren und Prozessen in der Forschung Bedeutung erlangt. Demgegenüber sind ist die Forschungslage für die Geschichte der entgegengesetzten Bemühungen der Friedenserziehung noch viel dürftiger. Dies verwundert, werden der Friedenserziehung doch aktuell sowohl in Deutschland wie auch international Schlüsselfunktionen bei der Überwindung von Krieg und Gewalt zugeschrieben.
Der Sammelband versammelt Beiträge, die zusammen erstmals und in vergleichender Perspektive ein umfangreiches Bild von Friedenserziehung in Deutschland im 20. Jahrhundert geben. Er zeichnet eine Entwicklung nach, in der nicht mehr nur die Ächtung und Verhinderung von Krieg, sondern auch der gelungene Umgang mit sozialen Konflikten und mit Alterität die Zielperspektive von Friedenserziehung bilden. Damit liefert der Band auch einen Beitrag zur Vorgeschichte gegenwärtiger Formen sozialen Lernens wie es in Form von u.a. Anti-Gewalttraining, Aufklärung über Rechtsextremismus, Gender-sensible Erziehung, interkulturelles/interreligiöses Lernen und Umwelt-Erziehung gegenwärtig äußerst einflussreich ist.

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